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Vor kurzem habe ich den neuen Sammelband über "Schaumburger Nationalsozialisten" kurz vorgestellt. Hier folgt der erste Teil einer kleinen Vorstellungsrunde, er widmet sich der Einleitung und dem ersten vorgestellten Akteur.
Doch jetzt zu dem Buch.
Es beginnt mit drei Beiträgen zur Person des Gauleiters und Reichsstatthalters Alfred Meyer. In einem ersten Beitrag untersucht Stefan Brüdermann, Leiter des Staatsarchivs in Bückeburg, Alred Meyers Rolle als Gauleiter und Reichsstatthalter in Schaumburg. Meyer, 1891 in Göttingen geboren, nach einem juristischen Studium Referent auf der Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen, trat 1928 in die NSDAP ein, wurde 1931 Leiter des Gaues Westfalen-Nord und am 16.5.1933 Reichsstatthalter für Lippe und Schaumburg-Lippe, 1938 wurde er Oberpräsident der Provinz Westfalen, 1941 Stellvertreter Alred Rosenbergs im „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“, in dieser Funktion auch Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, schließlich Reichsverteidigungskommissar im Gau Westfalen-Nord; Anfang April 1945 beging er Selbstmord am Hohenstein im Süntel (Vita ebd., 30). Brüdermanns Beitrag widmet sich vorrangig Meyers Aktivitäten in Schaumburg-Lippe. Der Kleinstaat spielte zwar in dem Gau keine entscheidende Rolle, dennoch hielt sich Meyer dort mehrfach auf. Er bestimmte auch die Politik in dem kleinen Land, das formal vom Landespräsidenten Karl Dreier geleitet wurde. Dessen Handlungsspielraum war allerdings begrenzt, Meyer wollte über jede wichtigere Entscheidung informiert werden, wie etwa im Falle der Besetzung des Stadthäger Bürgermeisterpostens. Meyer nahm während seiner Besuche auch Stellung zur NS-Politik und dabei vertrat er offen die Positionen des Nationalsozialismus. Eine wichtige Quelle der Studie von Brüdermann sind die Berichte der NS-Zeitung „Die Schaumburg“. Somit konnte man sich auch in Schaumburg keine Illusionen machen.
Die Studie von Frank Werner, Historiker und Chefredakteur der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung, widmet sich der tätigkeit Meyers als Stellvertreter Rosenbergs. Er kann in seiner Studie zeigen, dass Meyer zwar nicht besonders durchsetzungsfähig war, seine Aktivitäten aber umfassender waren als dies bislang angenommen wurde. Er berichtete übrigens auch mehr oder weniger offen über die NS-Politik in den besetzten Ostgebieten während seiner Besuche in Schaumburg-Lippe.
Beide Artikel folgen den neueren Forschungen, die sowohl den regionalen Eliten als auch besonders den Gauleitern einen größeren Einfluß auf die NS-Politik einräumen als dies in der älteren forschung der Fall war.



Frank Werner (Hg.), Schaumburger Nationalsozialisten. Täter, Komplizen, Profiteure (= Kulturlandschaft Schaumburg 17), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2009. ISBN 978-3-89534-737-5. Gb. 25 x 17 cm. 664 S. 97 sw. Abb. 2 farb. Abb. 1585 gr.
29,00 €
Mit dem biographischen Sammelband „Schaumburger Nationalsozialisten“ erscheint eine erste wissenschaftliche Bestandsaufnahme des NS-Führungspersonals in Schaumburg-Lippe und der Grafschaft Schaumburg. Im Mittelpunkt steht die lokale Machtelite, die kommunalen Spitzenbeamten und Parteifunktionäre, die maßgeblich über die Ausgestaltung der NS-Politik „vor Ort“ entschieden. Vermessen werden die Karrieremuster, die Selbst- und Weltbilder und die Handlungsspielräume, die sich auch am unteren Ende der Partei- und Staatshierarchie auftaten. Jenseits der biographischen Einsichten legen die Beiträge damit den spezifischen Akzent frei, der die regionale Herrschaftspraxis prägte. Neben die Repräsentanten des lokalen Establishments treten die „kleinen Akteure“, die durch Initiativen „von unten“ der Ausgrenzungspolitik zuarbeiteten – untere Chargen der NSDAP oder gewöhnliche „Volksgenossen“, Männer oder Frauen, die durch Denunziationen, Boykottaktionen und Gewaltübergriffe aktiv und selbstmotiviert zur Herstellung der „Volksgemeinschaft“ beitrugen. Darüber hinaus zeichnet der Band prominente Karrieren nach, die über Schaumburg hinausführten und überregionale Bedeutung beanspruchen können. So wird etwa die Rolle des Gauleiters und stellvertretenden Ostministers Alfred Meyer für die Vernichtungspolitik in der Sowjetunion erstmals präziser untersucht. Auch mit den Beiträgen über den Goebbels-Adjutanten Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe, den in Nürnberg verurteilten Tropenmediziner Gerhard Rose und den unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Generalkommissar der besetzten Niederlande, Fritz Schmidt, vermittelt der Band neue, über den regionalhistorischen Horizont hinausgehende Erkenntnisse.
Frank Werner, Einleitung 11
Der regionale Machthaber: Alfred Meyer
Stefan Brüdermann
„Die Westfalen werden stehen oder fallen“
Alfred Meyer – Als Gauleiter und Reichsstatthalter in Schaumburg 31
Frank Werner
„Gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung“, Alfred Meyer – Manager der Ostpolitik und Teilnehmer der Wannsee-Konferenz 61
Funktionäre des NS-Regimes in Schaumburg
Frank Werner
„Schon die Bezeichnung Nazi lehne ich ab“, Karl Dreier – Der Landespräsident und die Verfolgungspolitik in Schaumburg-Lippe 95
Stefan Brüdermann
Pragmatischer Beamter im Dienst der „Volksgemeinschaft“, Hermann Gebbers – Landrat in Bückeburg und Stadthagen 169
Jan Wendorf
„Ich lebe und sterbe für meinen Führer!“, Gustav Reineking – Kreisleiter in der Grafschaft Schaumburg 215
Wilhelm Gerntrup
„Durch Menschlichkeit kann man Untermenschen nicht beikommen“, Albert Friehe – Bürgermeister in Bückeburg 243
Karsten Klaus
Nationalist, Opportunist, Nationalsozialist, Karl Wachsmuth – Bürgermeister in Rinteln 295
Propagandisten und Profiteure
Tanja Theiß
Journalist als Scharfmacher, Adolf Manns – Schriftleiter der NS-Zeitung „Die Schaumburg“ 321
Lu Seegers
Unternehmer zwischen Profit und Gewissen, Walter Schmidt – Eigentümer der „Schaumburger Steinbrüche“ 365
Schaumburger Karrieren im Nationalsozialismus
Christine Wolters
Humanexperimente und Hohlglasbehälter aus Überzeugung, Gerhard Rose – Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts 407
Thomas Riechmann
Vom Herrenreiter zum Adjutanten von Goebbels, Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe – Karriere im Propagandaministerium 445
Martin Steffen
Ehrenbegräbnis für einen Machtmenschen, Fritz Schmidt – Generalkommissar der besetzten Niederlande 481
Markus Hesse
„Eine ausgesprochene Führernatur“, Gustav vom Felde – SS-Karriere eines Schaumburger Juristen 503
Komplizen an der Basis
Frank Werner
Die kleinen Wächter der „Volksgemeinschaft“, Denunzianten, Boykotteure und Gewaltakteure aus Schaumburg 521
Michaela Kipp
„Strümpfe stopfen für den Führer“, Schaumburger Frauen im Nationalsozialismus 585
